Die Konturen der anstehenden Schulreform in Baden-Württemberg werden immer deutlicher. Im April 2012 sollen die entsprechenden Beschlüsse im Landtag verabschiedet werden. Änderungen sind bis dahin möglich. Da die Regierung sich auf die Fahne geschrieben hat, Gesetze nicht von oben herab zu diktieren, tourt Norbert Zeller, der Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschulen, Schulmodelle, Inklusion im Kultusministerium derzeit durchs Land, um sich den Fragen von Schulleitern, Pädagogen, Bürgermeistern und Elternvertretern zu stellen.
Das Ministerium hatte am 9. November zu einem Informationsgespräch in die Schwaikheimer Gemeindehalle geladen. Sabine Hagenmüller-Gehring, die Leiterin des Staatlichen Schulamts Backnang, begrüßte etwa 450 Zuhörer. Wie ernst es dem Ministerium mit der Gemeinschaftsschule ist, betonte Zeller gleich zu Beginn seiner Präsentation: "Wir sehen die Schulentwicklung als Verfassungsauftrag. Es ist unsere Pflicht, jedem Kind und jedem Jugendlichen die gleiche Chance auf den bestmöglichen Abschluss zu ermöglichen". Das gelinge am besten mit der Einführung der Gemeinschaftsschule. Der Unterricht orientierte sich bisher am durchschnittlichen Leistungsstand, wobei sowohl die schwächeren als auch die guten Schüler zu kurz kämen. Im neuen Konzept werden die tatsächlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen gefördert. "Die Zeit des Frontalunterrichts ist vorbei", bekräftigte Zeller und erinnerte nebenbei, das dreigliedrige Schulsystem entspreche nicht mehr den Erfordernissen einer modernen, demokratischen Wissensgesellschaft. "Es sind noch viele Fragen offen, die geklärt werden müssen, bevor wir in den Kommunen über das Modell Gemeinschaftsschule ernsthaft diskutieren können", sagte Bürgermeister Gerhard Häuser bei seiner Begrüßung. So zum Beispiel die Frage, wann Anträge für die Gemeinschaftsschule gestellt werden können, die Frage nach den räumlichen Voraussetzungen und ob die Schulbauförderrichtlinien angepasst werden sollen, damit die Finanzierung der baulichen Maßnahmen für die Städte und Gemeinden unterstützt wird. Zu klären ist auch, ob das Land zusätzliches pädagogisches Personal zur Verfügung stellen wird oder ob es beim bisherigen Jugendbegleiterprogramm bleibt. "Die Städte und Gemeinden erwarten, dass die Ganztagsschule in das Schulgesetz aufgenommen wird und entsprechend das Land hierfür nach dem Konnexitätsprinzip auch die Kosten trägt", sagte Häuser.
Dreigliedriges Schulsystem passt nicht mehr in die heutige Zeit
Mit der Gemeinschaftsschule verfolgt die Landesregierung den Ansatz, dass Schüler des dreigliedrigen Systems zusammen in einer Klasse sind. In der Regel umfasst eine Gemeinschaftsschule die Sekundarstufe I (Klassenstufen 5 bis 10). Wenn die Gemeinschaftsschule in der Klassenstufe 10 genügend Schülerinnen und Schüler mit Gymnasialniveau hat, nämlich 60 an der Zahl, kann sie eine Sekundarstufe II (Klassenstufen 11 bis 13) zusätzlich anbieten. Auch die Aufnahme der Primarstufe (Klassenstufen 1 bis 4) in eine Gemeinschaftsschule ist möglich. Eine Gemeinschaftsschule ist zumindest in den Klassenstufen 5 bis 10 stets eine Ganztagsschule. Das bedeutet, dass an 3 oder 4 Tagen in der Woche ein Ganztagesbetrieb mit rhythmisiertem pädagogischem Angebot gewährleistet sein muss. "Eine Grundschule ist sozusagen schon eine Gemeinschafts-schule, in Schwaikheim wäre es naheliegend, von Klasse 5 bis 10 dann diese fortzuführen", sagte Zeller. Das hätte etwa den Vorteil, dass der Übergang von Klasse 4 auf 5 von den Kindern nicht als Bruch erlebt wird. Abschlüsse wird es in der Gemeinschaftsschule für die bekannten Schulformen geben. Für Schwaikheim sei aber eher denkbar, dass die Schüler in den umliegenden Städten auf das Gymnasium gehen. Eine Gemeinschaftsschule ist in der Regel zwei- oder mehrzügig. In Ausnahmefällen kann auch eine einzügige Schule zur Gemeinschaftsschule werden. In diesem Fall muss die Schule auf Dauer in der Regel mindestens 20 Schüler in der Eingangsklasse nachweisen.
Individualität fördern
Das Lernen in der Gemeinschaftsschule soll überwiegend in Lerngruppen stattfinden. "Wert wird gelegt auf selbstverantwortliches Lernen, Lehrer sind eher Lernbegleiter, die das einzelne Kind in den Mittelpunkt stellen", sagte Zeller. Das bedeute eine Wandlung der Arbeit der Lehrkräfte und dies müsse als Prozess und nicht unter Zeitdruck geschehen. Über Größe und inhaltliche Ausrichtung der Lerngruppen entscheidet nach pädagogischen Gesichtspunkten und organisatorischen Gegebenheiten die Schule vor Ort. Dabei handelt es sich um einen dynamischen Prozess, der einen allmählichen Übergang vom einen ins andere System erlaubt. In keinem Fall gibt es eine Aufteilung in leistungsorientierte A, B, C-Kurse oder ähnliches. Umgekrempelt wird in der Gemeinschaftsschule auch die Leistungsbeurteilung. "Wir setzen auf eine ganzheitliche Leistungsmessung. Noten werden durch differenzierte ausformulierte Beurteilungen ergänzt", sagte Zeller. Dies bedeute, dass man ein Stück weit von der Rotstiftmentalität abrücke. Dennoch dürfe es nicht zu standardisierten Formulierungen wie etwa in Arbeitszeugnissen führen. Die Grundschulempfehlung werde es auch nicht mehr geben.
Im Endausbau werden an der Gemeinschaftsschule Lehrkräfte aller Schularten unterrichten. Alle Lehrerinnen und Lehrer können in allen Lerngruppen der Sekundarstufe I eingesetzt werden. Wenn die Gemeinschaftsschule eine Sekundarstufe II anbietet, unterrichten dort nur Gymnasiallehrerinnen und -lehrer. Die Gemeinschaftsschulen werden neue Stellen grundsätzlich durch schulbezogene Ausschreibungen besetzen. Wie das pädagogische Konzept für eine Gemeinschaftsschule in Schwaikheim aussehen würde, bestimmt nach den Vorgaben des Landes die Schule selbst. "Es muss vor Ort entschieden werden, was wie in Frage kommt", bemerkte Zeller. Die Landesregierung wolle die Pädagogen etwa mit entsprechenden Fortbildungen unterstützen. Sie kündigte an, die Lehrerausbildung an die neuen Anforderungen anzupassen.
Viele Fragen bleiben bestehen
Eine gewisse Skepsis gegenüber den Plänen der Landesregierung ließ sich bei manchen Wortmeldungen nach Zellers Präsentation heraushören. Einige der anwesenden Schulleiter befürchteten ein Ausbluten der Werkrealschulen. Unklarheiten gab es auch bei der Besoldung der Lehrkräfte und bei den künftigen Lehrerdeputaten. Grundsatzfragen, wie eigentlich die bisherige Bemessung der Lehrerarbeitszeit nach Unterrichtsstunden mit der angestrebten neuen Lernkultur zusammenpasse, blieben im Ungefähren. Zeller betonte, "entscheidend für das Gelingen der Gemeinschaftsschule ist die Einstellung, nicht die Ausstattung". Das rief jedoch im Publikum eher gedämpfte Reaktionen hervor. So richtig zerstreuen konnte Norbert Zeller die Bedenken und Unsicherheiten nicht, bat aber um Geduld, denn bislang könne niemand mit Sicherheit sagen, wie sich die Schullandschaft in den kommenden Jahren entwickeln werde. "Wir stehen erst am Anfang eines Prozesses", betonte der gelernte Sonderpädagoge.